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Die OPEC+ im Wartemodus


10.06.2021 - 17:00:00 Uhr
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.aktiencheck.de) - Die Organisation erdölexportierender Länder und die OPEC-Partner (OPEC+) üben sich in Geduld, so die Analysten der Hamburg Commercial Bank.

Der Verbund habe im Rahmen der letzten OPEC-Sitzung zwar grundsätzlich Bereitschaft die Fördermenge signalisiert, wie geplant, etappenweise zu erhöhen, zu einer langfristigen Einschätzung habe sich der Verbund jedoch nicht hinreißen lassen. Zu ungewiss seien die Entwicklungen am Ölmarkt. Die OPEC+ befinde sich im Wartemodus.

Die Allianz kämpfe noch immer mit den Implikationen der Corona-Pandemie. Die OPEC+ habe sich, um dem massiven Ungleichgewicht auf den Ölmarkt entgegenzuwirken, im vergangenen Jahr einer restriktiven Förderpolitik verpflichtet. Der Verbund habe zeitweise bis zu 9,7 Millionen Barrel Öl/Tag zurückgehalten. Dies entspreche rund 10% des globalen Angebots an Öl. Erst im April sei eine Kurswende eingeläutet worden. Die OPEC+ habe eine Ausweitung der Fördermenge beschlossen. Die Produktion solle schrittweise hochgefahren werden. Bis einschließlich Juli sei unter dem Strich mit einer Erhöhung des globalen Angebots an Öl um rund 2 Millionen Barrel/Tag durch die OPEC+ zu rechnen. Die erste Etappe sei im Mai realisiert worden: Das Produktionsniveau sei zunächst um 350.000 Barrel/Tag ausgeweitet worden. Im Juni sollten weitere 350.000 Barrel/Tag folgen, im Juli dann 440.000 Barrel/Tag. Zeitgleich solle Saudi-Arabien seine freiwilligen Förderkürzungen im Umfang von 1 Million Barrel/Tag bis Juli zurücknehmen. Zuletzt sei ungewiss gewesen, ob die angedachten Förderkürzungen tatsächlich realisiert würden. Der Fahrplan sei nun bestätigt worden. Eine klare Perspektive fehle dennoch. Welche Förderpolitik die OPEC+ ab August konkret verfolgen werde, sei bis dato nicht kommuniziert worden.

Die etappenweise Erhöhung der Förderquoten stehe unter der Prämisse einer positiven Nachfrageentwicklung. Die Internationale Energieagentur (IEA) rechne 2021 mit einem Nachfragewachstum um 5,4 Millionen Barrel/Tag. Die OPEC selbst sei noch optimistischer, beziffere das Wachstum mit 6 Millionen Barrel/Tag auf insgesamt 96,46 Millionen Barrel/Tag. Insbesondere für das zweite Halbjahr werde eine starke Erholung der Ölnachfrage in den USA, China und Europa erwartet. Komplementiert werde dies zusätzlich durch den Rückgang der Lagerbestände. Sie würden sich allmählich wieder auf ihrem von der OPEC angestrebten Fünfjahresdurchschnitt einpendeln.


Vor diesem Hintergrund warne die IEA, dass die Politik der OPEC+ letztlich zu einer preistreibenden Verknappung an Öl führen könne. Verstärkt werde diese Sorge durch die auch wenn die schleppenden Fortschritte bei den Atomgesprächen zwischen den USA und dem Iran befeuert. Ein Erfolg der Gespräche sei essentiell für die Rücknahme der US-Sanktionen gegen iranische Ölexporte. Die Eurasia-Gruppe, ein auf Geopolitik spezialisierter Thinktank, sei allerdings der Meinung, dass eine Einigung zwischen dem Iran und den USA im dritten Quartal möglich sei und die Exporte bis Q1 2022 auf 700.000 Barrel/Tag hochgefahren werden dürften. Einige Verbraucherländer würden wegen der gestiegenen Ölpreise inzwischen Alarm schlagen. Die US-Administration habe zuletzt beklagt, Energie müsse erschwinglich bleiben, und habe Saudi-Arabien dazu aufgefordert, die Preise für Verbraucher im Blick zu behalten. Tatsächlich seien die Ölpreise seit Jahresbeginn um rund 40% gestiegen, was die Wirksamkeit der bisherigen OPEC+-Politik unterstreiche. Zuletzt sei die Schwelle von 70 US-Dollar/Barrel überschritten worden. Die Rohölsorte Brent habe ein Zweijahreshoch bei 71 Dollar/Barrel erreicht. Die sich schließende Lücke zwischen Angebot und Nachfrage ebne augenscheinlich den Weg für weitere Lockerungsschritte seitens der OPEC.

Die Prognosen seien nach wie vor mit großer Unsicherheit behaftet. Die pandemische Entwicklung stelle trotz Voranschreiten der Impfkampagne weiterhin ein erhebliches Abwärtsrisiko dar. Die humanitäre Katastrophe in Indien, das mit rund 5% einen hohen Anteil am globalen Ölverbrauch habe, habe zuletzt vor Augen geführt, dass die Pandemie noch nicht ausgestanden sei. Auch die potenzielle Rücknahme der Sanktionen gegen iranische Ölexporte, die damit einhergehende Erhöhung des globalen Ölangebots, sei einzukalkulieren. Das nächste OPEC-Meeting sei für den 24. Juni angesetzt, die OPEC+ komme am 1. Juli zusammen. Die Rahmenbedingen würden sich bis dahin vermutlich nur geringfügig verändern. Der internationale Druck auf die OPEC+, die Fördermenge stärker auszuweiten, wachse indes stetig. Ob die Allianz der Forderung nachkommen werde, bleibe abzuwarten.

Ganz offensichtlich sei die Debatte um Förderausweitungen von kurzfristigen konjunkturellen Überlegungen geprägt. Klimapolitisch werde demgegenüber genau das Gegenteil gefordert, nämlich eine massive Einschränkung der Ölproduktion. Einige Beispiele würden dies verdeutlichen. So habe ein Bezirksgericht Gericht in den Niederlanden den Ölkonzern Shell zu CO2-Einsparungen von 45% bis zum Jahr 2030 verdonnert. Die Internationale Energieagentur plädiere in der jüngst erschienen Studie "Net Zero by 2050" für die Abkehr von fossilen Energien, einen Investitionsstopp in Öl- und Gasprojekte. Außerdem habe ein Hedgefond (Engine No 1), der sich ungewöhnlicher weise für nachhaltiges Wirtschaften einsetze, es geschafft, drei Klimaaktivisten in den Verwaltungsrat des Unternehmens zu wählen.

Die Internationale Energie Agentur (IEA) habe sich nachdrücklich für Klimaneutralität bis 2050, damit einhergehend für die deutliche Abkehr von fossilen Energien, ausgesprochen. Die IEA plädiere in ihrem Report "Net Zero by 20502 für eine drastische Reduktion der globalen Ölförderung. Laut IEA werde die Ölnachfrage nie wieder ihren Höchststand von vor der Pandemie erreichen, stattdessen auf 24 Mio. Barrel/Tag im Jahr 2050 schrumpfen (2030: 72 Mio. Barrel/Tag). Die IEA rechne zwischen 2020 und 2050 mit einem Nachfragerückgang von jährlich 4%, bedingt durch eine Umorientierung auf erneuerbare "grüne" Energieträger. Dies hätte gewaltige Rückwirkungen auf den Ölpreis. Laut IEA würde der Preis für ein Barrel Rohöl bis 2030 auf 35 USD/Barrel sinken. Im Jahr 2050 läge der Preis bei niedrigen 25 USD pro Barrel. Die Prognose der IEA sei düster - insbesondere für die OPEC+. Die Allianz verfolge ein oberstes Ziel: Preisstabilität. Es bestehe eine ausgeprägte fiskalische Abhängigkeit vom Ölmarkt. In der Mehrheit der Mitgliedsstaaten werde ein Großteil der Staatseinnahmen am Ölmarkt generiert. Ein Preisverfall dieser Größenordnung stelle demnach existentielles Problem dar. Die OPEC-Staaten würden in diesem Szenario ihre Produktion weniger stark einschränken müssen als die Nicht-OPEC-Länder, so dass die Organisation Marktanteil gewinnen würde. In jedem Fall müssten die betroffenen Länder aber neue Einnahmequellen generieren.

Die OPEC+ vermöge kurz- bis mittelfristig von der aktuellen Situation am Ölmarkt zu profitieren. Die Zeiten der coronabedingt restriktiven Förderpolitik seien mutmaßlich vorbei - auch wenn einige Unsicherheiten bestehen bleiben würden. Langfristig werde sich die OPEC+ der Debatte rund um den Klimaschutz annehmen müssen. Zwar werde sich die Reduktion der Ölproduktion zunächst vorrangig in den Nicht-OPEC-Ländern abspielen, der Marktanteil der OPEC möge sich somit mittelfristig sogar erhöhen. Langfristig würden sich die absoluten Fördermengen jedoch signifikant verringern. Der Strukturwandel werde die OPEC-Länder durch die fiskalische Abhängigkeit vom Ölmarkt in besonderer Weise belasten. Die OPEC+ sei gut beraten, sich frühzeitig auf diesen Wandel einzustellen. (10.06.2021/ac/a/m)





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